Fehlt uns der Mut zu fragen?

Verlieren wir in unserer zusehends oberflächlichen und konsumorientierten Gesellschaft die Dimension der Tiefe? Spüren wir überhaupt diesen Verlust des geistigen Tiefgangs im Jahrmarkt der Äußerlichkeiten? Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn unseres Lebens verlustig geworden, blenden wir jetzt schon die Frage überhaupt aus. Die Lebensfrage danach, woher wir kommen, wohin wir gehen, was wir sinnvolles tun und was wir aus uns machen wollen in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod. Unsere Gesellschaft hat überhaupt den Mut verloren, solche Fragen mit unbedingtem Ernst zu stellen, wie es frühere Generationen leidenschaftlich taten: nach dem Sinn ihres Lebens zu fragen und für Antworten offen zu sein, auch wenn diese Antworten bisweilen tief erschüttern. Ja, uns fehlt heute der Mut, selbst danach zu fragen, was eigentlich mein Leben trägt. Wir sind schon gar nicht mehr bereit auf die Antworten des christlichen Glaubens auf diese Fragen zu hören, die uns unbedingt angehen. Die Menschen, die die Frage nach dem Sinn ihres Lebens dagegen noch ernst nehmen, fühlen sich oft ihrer Kirche fremd, gerade weil sie glauben, dass ihr tiefstes Anliegen nicht zum Ausdruck gebracht wird und so lehnen sie Glauben aus Glauben ab. Verwerfen gar die Beziehung zu Gott: Einem Gott, der maßloses Leiden zulässt, kann man doch nur abschwören. Die Alternative? Die tragende Gottesrede, die mit Gott nicht fertig ist und zugleich auf einen Gott hofft, der mit mir niemals fertig ist. Trotz meiner Zweifel an der Güte und Allmacht Gottes angesichts der Dunkelheiten dieser Welt halte ich den Abschied von Gott, die Kappung der Beziehung zu Gott, nicht für einen Freiheitsgewinn. Spüren wir nicht in der zunehmenden gesellschaftlichen Kälte die Folgen des Verlustes der religiösen Sinnressourcen unser Mütter und Väter im Glauben? Sei getrost, Gott steht dir auch im Leiden bei. Er leidet mit dir. Hat er sich nicht in Leiden und Sterben seines Sohnes Jesus Christus am Kreuz als ein aus Liebe mit-leidender Gott erwiesen? Wie durch einen Nebel dringt sein Flüstern zu mir durch: Du wirst niemals allein sein, weil meine Liebe dich auffängt. Du kannst nicht tiefer fallen, als nur in meine Hand. Es ist wichtig, dass ich weiß, dass ich so viel mehr bint als die schlimmen Dinge, die mir passieren. Wenn Leiden kommt, dann nimmt Gott es in der Regel nicht weg, denn er ist mehr ein Gebender als ein Nehmender. Stattdessen fügt er etwas hinzu. Mein Schöpfer vernichtet nicht meine Dunkelheiten, doch sein Licht scheint in der Finsternis. Mein guter Hirte bewahrt mich nicht vor Durst, aber er führt mich zum frischen Wasser. Mein Tröster bewahrt mich nicht vor Einsamkeit, doch er ist mir ganz nah. In kleinen, unscheinbaren Gegebenheiten und Ereignissen kann ich seine Antworten auf mein Fragen entdecken: Ich halte dich doch fest in meinen Armen. Wieso glauben wir, wenn wir leiden, dass das heißt, Gott sei weit weg? Ich weiß, es klingt verrückt und ich kann es nicht wirklich erklären, aber Gott ist da – jetzt. Ich glaube, dass wir Gott nicht sehen können, weil wir nicht tief genug blicken, und es ist wahr. Gott ist da, er streichelt dir über dein gesenktes Haupt und seufzt: „Ich bin auch traurig.“ Und doch ist mein Glaube oft ein Kampf. Ich bin zornig, zynisch, beleidigt, verhärtet, verbittert. Dennoch zähle ich mich zu den, die Gott lieben. Auch Wut und Tränen sind ein Gebet. Ein Annehmen der Geschichte, wie Gott sie mit mir schreibt. Ein Annehmen auch der Traurigkeit, des Nichtverstehens, all des Schmerzes, den das Leid mit sich bringt. Nur weil ich traurig bin, heißt das nicht, dass ich nicht dankbar bin. Auch du darfst traurig und dankbar sein. Und nachdem lange Zeit vielleicht Zorn und Tränen dein einziges Gebet waren, lernst du ein neues Gebet: Danke! Es ist ein Gebet, das auch ich noch nicht so meine, aber ich werde es wiederholen, bis ich es tue. Wir sind alle ein bisschen verloren und das ist in Ordnung. Es ist in Ordnung, wenn du dich verloren fühlst. Wir alle fühlen uns ein bisschen verloren. Die Jahreslosung 2023 lautet: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (Genesis 16,13). Die Kraft, die in diesem einen, einzigen Glaubenssatz steckt, ist tief. Das richtet auf und gibt Kraft, nicht aufzugeben, sondern zu leben und sein Leben als reich und erfüllt wahrzunehmen. Gerade auch im Leiden. Die Gefühle von Leere, Erschöpfung, Entmutigung, Enttäuschung sind zentrale Daseinserfahrungen, die jeder gut nachempfinden kann, weil sie Teil jedes menschlichen Lebens sind. „Was ist mit mir? Warum gehöre ich nicht dazu? Weshalb bin ich Luft für sie?“ Ich vermag mir gar nicht vorzustellen, was es bedeutet, ständig „übersehen“ zu werden. Immer das Gefühl zu haben, nicht beachtet zu werden. Gesehen zu werden– der Wunsch, beachtet, ja geachtet zu werden, ist ein seelisches Grundbedürfnis das wir alle teilen. Gott sieht dich! Da sind seine Augen, die dich voller Liebe ansehen. Du bist gewollt, du bist geliebt, du bist geachtet. Du bist ja nach seinem Ebenbild geschaffen. Ja, ich habe einen Wert, ich habe eine Bedeutung, ich spüre eine Liebe, die mir niemand nehmen kann. Denn du achtest auf mich, schaust nach mir. Ich bin nicht allein. Dies ruft Erinnerungen an meine Kindheit wach. In der Dunkelheit meines nächtlichen Kinderzimmers hatte ich Angst, die Türe blieb deshalb nachts einen Spalt breit offen und meine Eltern schauten durch den Spalt nach mir, gleichzeitig drang ein Lichtstrahl in die Dunkelheit meines Zimmers, was mich beruhigte. Ich werde gesehen und bin geliebt. Müde bin ich, geh zur Ruh’, schließe meine Augen zu. Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein, haben meine Eltern zuvor mit mir gebetet und mir gesagt, dass Jesus mich liebevoll ansieht und auf mich aufpasst. Alle, die mir sind verwandt, Herr, lass ruhen in deiner Hand. Alle Menschen groß und klein sollen dir befohlen sein. Die Tragweite dessen, dass Jesus mich sieht, wie ich bin und bei mir bleibt, gerade in den Momenten, in denen ich Angst habe in den Wüstenmomenten meines Lebens, wird mir in meinem Leben mehr und mehr bewusst. Wir sind auf dieser Welt nicht ganz zu Hause. Alles – der Ruhm, das Geld, der Erfolg‘ – all die Dinge, nach denen wir Menschen streben – bleibt zurück. Doch wir Christen verlassen diese Erde mit mehr als wir gekommen sind: Unserer Hoffnung auf Jesus Christus. Hoffnung ist der Vogel, der singt, selbst wenn er die Morgendämmerung noch nicht sehen kann. Das Geheimnis des christlichen Glaubens ist, dass Gott nicht fern und weltenthoben in seinem Himmel ist, sondern dass er einer von uns Menschen geworden ist – von Geburt bis Tod, mit allen Konsequenzen. Das Geheimnis des Glaubens ist das Geheimnis seiner Gegenwart. Nur weil es ein Geheimnis ist, heißt es nicht, dass es keinen Sinn hat. Manchmal bedeutet ein Geheimnis, dass dort mehr Sinn ist, als wir überhaupt verstehen können. Geheimnis des Glaubens. Deinen Tod o Herr verkünden wir. Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit. 
Bleiben Sie gesegnet und behütet,
Ihr Pfarrer Christian Schmidt 
 

Christian Schmidt
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Pfarrer Christian Schmidt

Evang. Egidienkirche Erlangen-Eltersdorf