Tafel reagiert auf Belastung: „Die letzten Monate waren kräftezehrend“

Olena und Roman aus Kiew sind Kunden*innen bei der Tafel – und helfen ehrenamtlich mit.
Bildrechte: © Diakonie Erlangen

Die Kunden*innenzahlen der Tafel Erlangen haben sich verdoppelt und sorgen für eine extreme Mehrbelastung der Ehrenamtlichen. Ein ukrainisches Paar unterstützt das Team. Ab nächster Woche wird die Lebensmittelversorgung für Kunden*innen zunächst 14-tägig stattfinden. Die vorhandenen Strukturen wie Lager- und Kühlkapazitäten kommen angesichts der benötigten Lebensmittelmenge an ihre Grenzen. Vor der Sommerpause findet noch die Ausgabe von Schulmaterial statt.

ERLANGEN. Nach vier Monaten extremer Belastung stellt die Tafel Erlangen die Lebensmittelversorgung für Kunden*innen in der Schillerstraße 52a ab nächster Woche zunächst auf einen 14-tägigen Rhythmus um. „Die Lebensmittelausgabe findet jede Woche an den regulären Ausgabetagen Montag, Mittwoch und Samstag statt“, erklärt Teamleiter Johannes Sikorski, „jede*r Kunde*in kann alle zwei Wochen zur Abholung kommen, bekommt aber etwas mehr als bisher“. Die Kunden*innen werden dafür in Gruppen aufgeteilt; ein System, das sich bewährt hat. Die ukrainischen Geflüchteten seien jetzt in den Regelbetrieb integriert, besäßen Tafelausweise und erhielten wie andere Tafelkunden*innen auch Sozialhilfe vom Staat. Die Ausgabe werde aufgrund der hohen Nachfrage verlängert und das Team im Schichtbetrieb eingesetzt. Sikorskis Bilanz: „Für unsere Ehrenamtlichen waren die letzten Monate eine enorme Kraftanstrengung.“ Viele von ihnen seien 20-25 Stunden pro Woche im Einsatz gewesen. 

Plötzliche Herausforderung gemeistert  
Die Kunden*innenzahlen der Tafel Erlangen haben sich im letzten halben Jahr mehr als verdoppelt. Einen zusätzlichen Raum zur Lagerung von Lebensmitteln hatte die Stadt Erlangen der Tafel kurzerhand zur Verfügung gestellt, um die plötzlich nötige Erstversorgung von ukrainischen Geflüchteten gewährleisten zu können. Ein ukrainischer Pass genügte, um Lebensmittel zu bekommen, zahlreiche Spenden füllten kurzfristig die leeren Lager wieder auf und nach kurzer Zeit wurde ein zusätzlicher Ausgabetag ins Leben gerufen, um die hohe Nachfrage bedienen zu können. 
Ein riesiger Mehraufwand für das fast ausschließlich ehrenamtliche Team. „Unsere Mitarbeitenden haben vier Monate Höchstleistungen vollbracht“, resümiert Johannes Sikorski, „dafür sind wir unheimlich dankbar“. Dass sich irgendwann Erschöpfung einstelle, sei mehr als verständlich. Auch seien die Räumlichkeiten der Tafel nicht auf diese Kapazitäten ausgelegt. Den zweitweise zusätzlich genutzten Raum braucht die Stadt seit Juli selbst wieder. Es beginnen die Umbaumaßnahmen für die Schule für Kranke. 1.500 Tüten gingen für die ukrainischen Tafelkunden*innen pro Ausgabetag über den Tresen, an dem nur begrenzt Platz sei. „Da kann man nicht einfach mehr Leute hinstellen, die treten sich auf die Füße“, so Sikorski. „Das Team ist am Anschlag“, das ist der Zustand jetzt. Die Versorgung in dem neuen Ausmaß sei kräftezehrend und müsse machbar bleiben, dafür soll auch die neue Ausgaberoutine sorgen. 

Ukrainisches Paar packt mit an
Unterstützt werden die Mitarbeitenden auch von zwei Ukrainer*innen, Olena und Roman. Das Ehepaar war im März nach dem zweiten großen Bombenangriff auf ihre Heimatstadt Kiew nach Deutschland geflohen und selbst als Kunden*innen zur Tafel gekommen. Schon kurz darauf helfen sie ehrenamtlich mit. 
Beim Besuch in der Schillerstraße 52a während der Ausgabe für Ukrainer*innen sortiert Olena gerade das Obst und teilt es gerecht zu, Roman hilft vorne, wo die fertigen Tüten über den Tresen gehen. Im Hof steht immer noch eine große Traube wartender Familien, Kinder flitzen durch die Menge, obwohl die Ausgabe schon seit einer Stunde läuft. Sozialhilfe und Essensausgaben kenne man in der Ukraine nur vom Staat, erklärt Olena, darum sei wahrscheinlich vielen Landsleuten nicht von Anfang an bewusst, was hier alles freiwillig geleistet werde. Ihrem Mann und ihr sei schnell klar gewesen, wie hart das Tafel-Team arbeite und dass sie hier nützlich sein könnten. Sie erklären den ukrainischen Kunden*innen die Regeln in ihrer Muttersprache und übersetzen bei Rückfragen – eine riesige Hilfe für die anderen Mitarbeitenden. 
Schon vier Mal war das Paar zusammen nach Deutschland gereist, vor dem Krieg. Jetzt belegen sie einen Deutschkurs – an ein paar Brocken erinnert sich Olena aus dem Schulunterricht – und sehen zu, dass alle Dokumente fürs Jobcenter beisammen sind. Schon im März hatten sie eine private Unterkunft gefunden. Ab September werden ihre Kinder hier die Schule besuchen. Dass es schwerfällt, die Auswirkungen hier und die schrecklichen Bilder und Nachrichten aus der Heimat zu ertragen, ist beiden anzusehen. Aber es sei besser etwas zu tun, als nur dazusitzen, meint Olena. In der Ukraine haben sie und Roman einen eigenen Laden zurückgelassen, in dem es vegane, ökologische Produkte zu kaufen gab – auch in Kiew war das richtig angesagt. 

Ausgabe von Schulmaterial vor der Sommerpause
Am 4. August gibt die Tafel wieder Schulmaterial für alle Familien mit Schulkindern im Alter von 6-14 Jahren aus. Viele können die Mehrbelastung für die Ausstattung nicht selbst stemmen.
Die Sommerpause aller Ausgabestellen beginnt am 8. August und wird dieses Jahr drei anstatt wie sonst zwei Wochen dauern. In dieser Zeit findet eine Generalreinigung der Räume statt und die Fahrzeuge werden überholt.

Prognose bereitet Sorgen – Kapazitätsgrenzen nahen
„Wir erwarten im Herbst und Winter eine weiter steigende Nachfrage bei der Tafel“, prognostiziert Elke Bollmann, Leitung der sozialen Dienste in Erlangen. Die steigenden Lebensmittel- und Energiepreise sorgten dafür, dass bei vielen Menschen das Geld nicht mehr zur Existenzsicherung reiche und sie in Armut rutschten – auch in Erlangen. Vor allem Rentner*innen würden derzeit bei den Maßnahmen der Politik zu wenig berücksichtigt und kämen häufiger finanziell in Bedrängnis. 
Angesichts der steigenden Kunden*innenzahlen kommt die Tafel mit der vorhandenen Infrastruktur, wie Lager- und Kühlkapazitäten, zudem an ihre eigenen Grenzen. „Der Platz reicht für die benötigten Lebensmittelmengen bald nicht mehr aus“, erklärt Bollmann, die bereits im Austausch mit Unterstützern*innen aus der Stadtgesellschaft ist, um nach Lösungen zu suchen.