„Wir werden viel verzeihen müssen.“

Dieser Satz des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn ist für mich einer der wichtigsten Sätze des vergangenen Jahres. Viele Entscheidungen mussten getroffen werden in der Politik, der Wirtschaft, in Vereinen und Organisationen und im privaten Leben, und sicher waren nicht alle angemessen. Im neuen Jahr geht es so weiter. Wie eine bleierne Decke legt sich der Lockdown über Land und Gemüt. Bei vielen werden die Sorgen um die wirtschaftliche Existenz und die persönliche Resilienz größer. Wir werden viel verzeihen müssen, weil wir Menschen sind und Fehler machen im Umgang mit Regeln und anderen Menschen, weil wir immer etwas oder jemanden übersehen.

Ich entdecke im Zitat von Jens Spahn eine große Nähe zum Motto – im kirchlichen Jargon: zur Losung – der evangelischen Kirche für das Jahr 2021: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Die Bibel, Lukasevangelium 6,36) Barmherzigkeit ist nicht nur eine christliche, sondern eine zutiefst menschliche Tugend. Wer barmherzig ist, kann sich in den anderen hineinversetzen, kann mitfühlen und handeln.

Die Erzählung vom barmherzigen Samariter aus der Bibel ist das Paradebeispiel dafür (Lukasevangelium 10): Ein von Räubern überfallener Mensch liegt hilflos am Straßenrand. Andere gehen achtlos vorüber. Einer hilft, er leistet erste Hilfe und sorgt für nachhaltige Pflege.

Tätige Nächstenliebe und Barmherzigkeit, darauf werden in diesem Jahr viele angewiesen sein: die an Covid-19 Erkrankten in aller Welt, die Flüchtlinge in Bosnien und im Libanon, die Kriegsopfer in Somalia und an vielen Orten der Welt. Aber auch die Einsamen, die Alten, die Kranken, Missbrauchten und Obdachlosen direkt vor unserer Tür. Nicht zuletzt darf ich auch mit mir selbst barmherzig sein, nachsichtig mit meinen Fehlern und Schwächen, versöhnt mit meinen Grenzen. „Seid barmherzig.“

„Wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Gott selbst ist mitfühlend, empathisch, solidarisch. So einzigartig Weihnachten 2020 unter Coronabedingungen gefeiert werden musste, so einzigartig ist die Botschaft: Gott kommt uns Menschen nahe. Er wird selbst Mensch. Er lebt unser Leben. Das ist Ausdruck seiner Barmherzigkeit.

Es wäre eine heillose Überforderung, nur barmherzig gegenüber anderen sein zu müssen. Jeder und jede braucht die Erfahrung, dass andere auch mit mir barmherzig sind, dass auch mir verziehen wird. Wir leben nicht vom Brot allein, sondern auch von der Zuwendung, der Barmherzigkeit und Liebe der Menschen um uns. Mögen Sie daher Barmherzigkeit erfahren und mit anderen und sich selbst barmherzig sein.

Dr. Karl F. Grimmer
Autorin/Autor
Pfarrer Dr. Karl F. Grimmer
Evang.-Luth. Erlöserkirche Erlangen
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