Nach 18 Jahren verabschieden Sie sich jetzt aus Forth. Erinnern Sie sich noch an die ersten Eindrücke?

Ich kannte Forth damals nicht und die Ausschreibung der Stelle zeugte von hohen Erwartungen und ich fragte mich, ob das alles leistbar ist.  Als ich dann das erste mal in den Ort Forth kam war es keine Liebe auf den ersten Blick. Denn der Ort hat eine vielbefahrene Durchgangsstraße und keinen richtigen Ortskern (aber eine wunderbare Kirche) - trotzdem bin ich 18 Jahre geblieben. 

Was machte dann Forth reizvoll?

Zunächst einmal die Menschen. Ich bin vor allem wegen den Menschen so lange geblieben. Zudem ist es dann auch ein Ort, in dem es sich gut leben lässt.  Die Menschen achten aufeinander, es gibt einen persönlichen Umgang und die Zusammenarbeit mit den Institutionen (z.B. Feuerwehr, Sportvereine)  ist sehr gut. Die Menschen sind liebenswert…. wenn man den richtigen Ton findet, denn sie sind auch wieder speziell…

Inwiefern?

Sie sind sehr direkt und man muss auch sehr direkt antworten. Und sie sind sehr vielfältig.

Wie ist das Verhältniszwischen Alteingesessenen und Zugereisten?

Ausgewogen. Man hat die Alteingesessenen, die sich auszeichnen durch große Treue dem Ort und auch der Kirche gegenüber.

Man ist hier allgemein sehr kirchlich...auch wenn man nicht unbedingt in den Gottesdienst geht. Das ist eine Spezialität. Es wird trotzdem erwartet, dass der Pfarrer zum Geburtstag kommt, man will den persönlichen Umgang und ist dem Pfarrer auch verbunden. Und die Lebensbegleitung bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen…. der Pfarrersalltag ist natürlich immer ein wesentlicher Teil der Arbeit, Themen wie Familien und Jugendarbeit immer aktuell.

Wie hat sich die Gemeinde in den letzten Jahren entwickelt – was waren ihre Schwerpunkte?

Schwierige Frage. Natürlich gab es als Basis immer die Grundtätigkeiten eines Pfarrers. Ich hatte zudem zwei gute Vorgänger von denen ich manches weiterführen konnte. Die ersten Jahren waren dann aber auch von großer Bautätigkeit geprägt. Ich habe hier jeden Stein umgedreht. Wir haben die Kirche umgebaut, das Gemeindehaus, das Pfarrhaus, eine neue Orgel kam hinzu. Ich habe Bauen dabei immer als Teil des Gemeindeaufbaus gesehen und habe versucht die Gemeindeglieder in diese Prozesse miteinzubinden. Das ist auch ein Erfolgsrezept für das Gelingen, dass die Menschen jetzt sagen: Das ist meine Kirche, mein Gemeindehaus – man identifiziert sich. Das Bauen war dran und die Gemeinde ging mit.

Was waren weitere Themen?

Die Ökumene.  Das Miteinander von evangelischen und katholischen Christinnen und Christen.  Der Ort hat etwas mehr Evangelische als Katholische. Früher gab es getrennte Schulen und man hat wenig übereinander gewusst.  Man kannte die Kirchen gegenseitig nicht. Doch über die Jahre ist die Ökumene gewachsen. Man hat sich geöffnet und  die gegenseitigen Stärken wahrgenommen. Es gab Gesprächskreise und es wurden  zusammen Gottesdienste gefeiert -  besonders wichtig,  da es viele konfessionsverbindende Ehen gibt. Jetzt ist das Normalität. Man besucht sich und es gibt katholische Mitarbeiter in der evangelischen Kirche.

Ein weiteres großes Thema war die Aufarbeitung der eigenen Ortsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus.  In Forth gab es einmal eine jüdische Gemeinde, ursprünglich mit Synagoge, Mikwen, eine Schule, es gab jüdische Geschäfte. Und es gab auch1938 noch Juden in Forth. Über das Schicksal dieser Menschen in der NS-Zeit und nach der Reichspogromnacht ist zunächst nie gesprochen worden. Eine Interessensgemeinschaft  (mit Pfarrer, Historikerin, Politiker) hat es dann aber geschafft, dass die Menschen darüber reden.  Man kam über die Zeit ins Gespräch, Menschen die noch Augenzeugen waren und  Opfer kamen zu Wort. In vielen Interviews wurde erzählt. Doch gab es auch  Widerstände!

Neben den jüdischen Opfern  waren es in Forth auch Kommunisten und Sozialdemokraten die Opfern der Nazis wurden.  Zur jüdischen Familie Kimmelstiel haben wir gute Kontakte aufgebaut. Höhepunkt war im Jahr 2008 der Besuch des Ehepaars Jaqueline und Albert Kimmelstiel aus New York bei uns. Herr Kimmelstiel musste 1938 Forth verlassen, seine Eltern und sein Bruder wurden im KZ ermordet – sein Erzählen bei einer Gedenkstunde zur Reichsprogromnacht  war ein Durchbruch.  Für mich war der Prozess spannend und nicht immer leicht: Ich konnte verstehen lernen, was geschehen ist und gleichzeitig sehen, wie  Menschen, die lange nebeneinander friedlich gelebt haben, ausgegrenzt und vernichtet wurden. Es ging uns dabei nicht um Schuldzuweisung der Nachfahren, sondern um das gemeinsame Aufarbeiten und Erinnern. Es war gut, dass der Pfarrer da beteiligt war.  Heute gibt es ein Buch und eine Gedenkstele und hoffentlich eine bleibende Erinnerungskultur.

Aber dann gab es natürlich auch immer wieder andere Themen wie die Diakonie, die sich neu aufgestellt hat und sich weiterentwickelt nach dem Verkauf eines Seniorenheims  an die Landeskirche und die Umwidmung in ein  Asylbewerberheim.  Neue Zeiten bringen eben neue Aufgaben.

Forth gehört politisch  zu Eckental und kirchlich zur Region  Ost des Erlanger Dekanats. Die Zusammenarbeit scheint gut…

Ja, für den Dekanatsentwicklungsprozess im Dekanat Erlangen mit seinen Regionalisierungen waren wir ein Vorbild. Denn die drei Evangelischen Kirchengemeinden in Eckental arbeiten schon immer eng zusammen, obwohl die Ortsteile sehr verschieden, sind. Das hat mit den Personen zu tun, aber auch mit ähnlichen Voraussetzungen. Zu unserer Region gehört auch noch Kalchreuth und Beerbach. Im Erlanger Dekanat sind wir sind alle etwas abgelegen und haben eine „natürliche Gemeinschaft“. Das nutzen wir zur Zusammenarbeit und die wird sicher in Zukunft noch vertieft werden.

Was wünschen Sie ihrer Kirchengemeinde?

Viel Selbstbewusstsein für die Zukunft. Das was sie haben, sollten die Forther bewahren. Besonders auch die eigene Identität! Und ich wünsche, dass der Kirchenvorstand weiterhin so gut zusammenarbeitet. Denn die gute Zusammenarbeit mit dem Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern war auch ein Grund lange hier zu bleiben und im Zeichen des Fisches, der Symbol ist für den Glauben, zu arbeiten.

Am 01.Juli 2018 wird Pfarrer Häselbarth, um 14.00 Uhr in der evangelischen Kirche in Forth mit einem Gottesdienst verabschiedet. Am 29.Juli 2018 wird er um 14.00 Uhr als Pfarrer der Evang.-Luth. Kirchengemeinde in Nürnberg - Fischbach eingeführt! Ein guter neuer Ort für jemand, der als Glaskünstler schon viele Fische gefertigt hat, von denen einige sicher in Forth zurückbleiben.

Alles Gute und Gottes Segen.