Warum sind die Leute so komisch und behandeln mich wie eine Aussätzige?“ Als sich Dorothea Hobeck diese Frage stellt, ist sie 20 Jahre alt. Sie hat gerade ihre ältere Schwester durch einen Autounfall verloren und die Leute wechseln die Straßenseite, wenn sie ihnen entgegenkommt. „Als ob der Tod etwas ist, was von außerhalb der Welt ist.“ Diese Isolation, sagt die heute 68jährige Vorsitzende von „Tigerauge“ e.V. (Erlangen), war „grässlich“.

 

Ihre persönliche Erfahrung und Erlebnisse mit betroffenen Familien aus den Jahren ihrer Berufstätigkeit als Lehrerin an einem Förderzentrum und der Schule für Kranke in Erlangen wirken wohl als stärkste Triebfeder ihrer ehrenamtlichen Arbeit. „Tigerauge“ e.V. schaut nicht weg, wenn ein Kind zu sterben droht. Ganz im Gegenteil: Es nimmt die sterbenden Kinder und ihre Angehörigen in den Blick, holt sie möglichst heraus aus Isolation und Befangenheit und hilft ihnen dort, wo Sozialgesetzbücher und Krankenversicherungsverträge Lücken lassen.

Der Tod ist mitten drin im Leben

„Tigerauge“ e.V. hat recherchiert: Etwa 140 Kinder und Jugendliche sterben jährlich im Großraum Erlangen-Nürnberg-Fürth, mehr als die Hälfte davon während des ersten Lebensjahres. Das ist eben nicht „von außerhalb der Welt“, sondern das geschieht, nimmt man lebensbedrohliche Krankheiten oder Unfälle hinzu, eigentlich jeden Tag. „Der Tod ist mitten drin im Leben“, sagt Dorothea Hobeck, „und er kommt immer anders. Du kannst nicht sagen: So muss es ablaufen. Das eine Kind bäumt sich auf, weil es weiterleben möchte, ein anderes schläft friedlich ein. Da muss man Möglichkeiten eröffnen, denn den einen, schönen Tod für alle gibt es nicht.“

Möglichkeitsräume eröffnen

Die studierte Pharmazeutin war Lehrerin aus Überzeugung. Über 20 Jahre unterrichtete sie am Erlanger Förderzentrum Kinder mit unterschiedlichstem Hilfe- und Förderbedarf, anschließend zehn Jahre lang kranke Kinder in der „Schule für Kranke“. Durchgängig erlebte sie dabei, welche Riesenbelastungen manche Familien zu schultern haben. Und dass die offiziellen Hilfen immer wieder hinter dem zurück bleiben, was nötig ist und hilfreich wäre. „Es ist eine solche Komplexität, die von den Eltern kaum zu leisten ist, wenn ein Kind, ein Jugendlicher oder ein junger Erwachsener unheilbar erkrankt und stirbt“, erklärt sie. „Die eigene Trauer, die Geschwisterkinder, die Beziehung des Elternpaares, die Finanzen, die Versicherungen … kaum zu schaffen.“

Hilfe in bestehenden Häusern

Zusammen mit ihrem 2009 verstorbenen Mann Paul Hobeck war sie deshalb entschlossen, ein stationäres Kinderhospiz zu gründen, um die bereits bestehenden ambulanten Strukturen im stationären Bereich zu ergänzen. Das Paar fand viele Unterstützer und Spender für das gemeinsame Anliegen, stieß aber auch auf etliche Widerstände. Als Paul Hobeck schwer erkrankte und starb, änderte Dorothea Hobeck diesen Plan. Statt ein stationäres Kinderhospiz zu bauen und zu führen, wandte sich „Tigerauge“ e.V. nun der Unterstützung schwerst kranker, sterbender Kinder und ihrer Familien in bereits bestehenden Einrichtungen, vor allem der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendliche in Erlangen, zu.

Und so kommt es, dass der interreligiöse Andachtsraum in der Erlanger Kinder- und Jugendklinik so gut eingerichtet werden konnte, wie es das Foto zeigt. Rund 30.000 Euro hat „Tigerauge“ e.V. dafür gespendet, wie zuvor schon rund 20.000 Euro für den „Raum der Stille“, in dem Familien Abschied von einem verstorbenen Kind nehmen können. Mehr zum Verein, seinem Konzept und seinen Projekten finden Sie am besten im Internet unter www.tigerauge.org.

Wir von der Klinikseelsorge sagen herzlichen Dank!  (Fotos: Privat und UK Erlangen)